Gestern habe ich mir einige der Dias von Huber angeschaut. Sie sind etwa zwischen 1901 und 1909 entstanden (ganz wenige sind angeschrieben und von diesen tragen noch weniger eine Jahreszahl). Die Bilder sind faszinierend. Ersteinmal die Technik an sich: Es handelt sich dabei nicht nur um Glasplatten, sondern um Stereo-Glasplatten. Das heisst, auf einem Glasstreifen befinden sich rechts und links zwei Mal das gleiche Bild, in der Mitte ist ein Abstand von eingigen Zentimetern – auf diesem finden sich ab und zu, leider viel zu wenig, eine Beschriftung des Motives. Um die Bilder anzuschauen, legt man sie in einen speziellen Apparat, eine Art Holzkiste mit 2 Linsen zum Durchschauen. Der Boden des Apparates ist eine milchige Glasplatte, wodurch das Licht kommt, um die Dias zu beachten. Das besondere an diesem Stéréoscope und den Stereodias ist, dass das Bild so beim Betrachten einen 3D-Effekt erzeugt, was einem wiederum das Gefühl gibt, mittendrin im Bild zu sein. Man hat nicht das Gefühl, nur eine Fotografie einer längst vergangenen Zeit zu betrachten, sondern vielmehr durch ein Zeitloch direkt das Geschehen zu beobachten. Eine weitere Faszinität sind die Motive selbst. Indochina vor etwas mehr als hundert Jahren mit bezopften Chinesen und weiss geschminkten Chinesinnen mit Haarschmuck und diesen weissen Plateaus unter den Schuhen. Daneben so schaurige Bilder wie eine Gruppe Männer in Uniformen, die eine am Boden liegende Frau auspeitschen oder eine Hinrichtung durch Enthaupten und an einem Seil aufgehängte Köpfe. Die meisten sind aber zum Glück Bilder von Tempeln, Palästen und vor allem Alltagsleben in Stadt und Land, buddhistische Prozessionen und sogar ein Bild des Königs von Annam. Ich bin froh, dass die Erschliessung der Bilder nicht Hauptteil meiner Arbeit ist – so spannend die Bilder sind, nachzuvollziehen, wo sie aufgenommen worden sind, scheint mir fast unmöglich.
Allerdings ist mein Thema – Aufbewahrung und Verfilmung und/oder Digitalisierung – auch nicht gerade so einfach. Glasplatten an sich sind ja schon ein Fall für sich, aber Stereo-Dias sind dann gleich nochmal exotischer. Immerhin habe ich eine Adresse von einem Prof. in Basel bekommen, wie es scheint der einzige Mensch in der Schweiz, der von Stereo-Dias eine Ahnung hat. Allerdings ist jetzt zu Semesterbeginn vielleicht nicht gerade ein günstiger Zeitpunkt zu nachfragen. Überhaupt muss ich zuerst in Luzern abklären, was dort überhaupt im Vordergrund steht – geht es in erster Linie um die Aufbewahrung, d.h. Langzeitsicherung der Glasplatten, oder um eine möglichst schnelle Digitalisierung und Zugänglichkeit im Netz. Ich vermute ersteres.
Gestern Nachmittag habe ich mich ausserdem aufgemacht auf einen Ausflug ins Luzernische Hinterland, irgendwo in der Pampas, zum Geburtsort Hubers, wo sich in der Gemeindeverwaltung noch ein paar Sachen von und über Huber befinden. Habe Inventar genommen von den Sachen und bin über eine witzige Sache gestolpert. Unter den Materialien befand sich eine kleine Schachtel einer Pariser Firma, welche die rohen Glasplatten für Fotografien herstellte. Huber hat wohl diese Schachtel irgendwann in Paris gekauft , sie mit nach Indochina genommen und damit dann einige der 350 Fotos gemacht, die nun in Luzern sind. Der Name der Firma: R. Guilleminot, Boespflug & Cie. Fabricants.
.
Gemäss dem Gemeindeschreiber sollen sich ausserdem an der Sorbonne in Paris einige Kisten mit Material von Huber befinden. Zwar ersetzt mir die ZHB allfällige Reise-Spesen für Recherchen für die Diplomarbeit, aber eine Reise nach Paris liegt wohl leider nicht drin… Werde aber auf jedenfall versuchen, bei der Sorbonne via Mail nachzufragen sowie bei der Ecole française d’Extrême-Orient, an welcher Huber in Hanoi 13 Jahre gearbeitet und welche heute in Paris angesiedelt ist. Ein grosses Problem ist hier allerdings mein Französisch – werden sie überhaupt verstehen, was ich meine????
Liebe Katja
Während meines Studium der Geographie in Basel habe ich gelernt, wie man Stereoaufnahmen macht. Ich kann mich erinnern, dass wir dafür auf das Bruderholz gegangen sind. Geographen und Kartographen (vor allem die) sollten eigentlich eine Informationsquelle für Stereofotos sein. Frage doch mal bei der Landestopografie an. Ich glaube sie heisst heute Swisstopo oder so. Sie ist in Bern/Wabern.
Dominique
Comment by schraft — November 3, 2006 @ 3:25 pm